(KL) Entgegen dem vor allem in den Medien (jedenfalls bis zu seiner späteren Karriere als TV-Experte) beharrlich gezeichneten Bild halte ich Lothar Matthäus nicht für eine Witzfigur, sondern für einen der ganz großen deutschen Fußballer der achtziger/neunziger Jahre. Zudem war er in meinen Augen auch ein talentierter, entwicklungsfähiger Trainer, der eine Chance in der Bundesliga verdient gehabt hätte. Ich konnte mich nie jenen anschließen, die Lothars Trainerstationen belächelt haben: Wien, Belgrad, Salzburg, dazu die Nationalmannschaften Ungarns und Bulgariens - für einen jungen Trainer waren sind das hochinteressante Stationen.
Deshalb hatte ich mich sehr gefreut, als 2012 eine neue Lothar-Matthäus-Biographie erschien, war sie doch die erste Gelegenheit, über die Medienberichte hinaus etwas über seine Trainerzeit zu erfahren. Leider hat mich das Buch unter dem Strich nicht hundertprozentig überzeugt, weil es letztlich zu sehr an der Oberfläche, zu seicht bleibt, also genau das, was man Lothar mitunter vorwirft. Vielleicht war der Versuch, die Karriere eines Mannes, der in Deutschland und Italien Meistertitel errungen hat, der Weltmeister, Vizeweltmeister, Europameister und Weltfußballer des Jahres war, um dann als Trainer an exotischen Orten zu arbeiten, auf 224 Seiten zu erzählen, ein wenig zu ehrgeizig. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn sich das Buch zum Beispiel auf die letzten zehn, fünzehn Jahre konzentriert hätte, denn mit Lothars Engagement in New York und seinen späteren Trainerstationen hätte es wahrlich genug zu beleuchten gegeben. So aber hechelt das Buch auf besagten 224 Seiten von der Kindheit in Franken bis zum aktuellen Warten auf neue Trainer-Angebote, was leider bedeutet: Für die einzelnen Stationen, etwa Lothars Zeit bei Partizan Belgrad, bleiben gerade einmal fünf, sechs Seiten.Dennoch ist das Buch empfehlenswert, weil es Lothars öffentliches Bild ein wenig geraderückt und vor allem zeigt: Er ist ungeachtet aller peinlichen Doku-Soaps und allzu öffentlich geführter Ehen vor allem und in erster Linie ein (ganz sympathischer) Fußballbesessener.
Wenn Matthäus beispielsweise berichtet, wie er sich voller Enthusiasmus in seinen neuen Trainer-Job bei Red Bull Salzburg stürzte ("Ich setzte mich haarklein mit dem österreichischen Fußball auseinander, bald kannte ich Red Bull in- und auswenig."), um dann unvermittelt Giovanni Trapattoni vor die Nase gesetzt zu bekommen, wenn er erzählt, wie er Trainer beim brasilianischen Clube Atlético Paranaense wurde, kurz vor einem Engagement bei Besiktas Istanbul stand und später bei Maccabi Netanya in Israel arbeitete, ist das hochspannend. Auch die Zeit als Spieler bei den New York/New Jersey Metro Stars erscheint hier als durchaus wichtiges Puzzleteil für die Entwicklung von Matthäus, nicht - wie es in den Medien vielfach wider besseren Wissens dargestellt wurde - als das jämmerliche Karriereende in einer sportlich bedeutungslosen Operettenliga. Natürlich wäre es - und damit kommen wir zu den Schwachpunkten des Buches - mir lieber gewesen, ich hätte über die New York / New Jersey Metro Stars (heute: Red Bull New York) nicht den Satz lesen müssen: "Seit Beckenbauers Aufenthalten dort Anfang der Achtziger konnte der Club keinen Meistertitel mehr erringen." Das ist grober Unfug. Die Metro Stars haben mit dem legendären Beckenbauer-Club New York Cosmos genauso viel zu tun wie der FC Bayern mit 1860 München. Dann gibt es mehr oder wenige flüchtige Kapitel wie "Sex, Skat und zwei Einwechslungen", in denen auf zwei Seiten die WM 1982 abgehandelt wird, ein Seitenhieb auf jene "erfahrenen Spieler", die eine Modenschau im Hotel nutzen, sich "einige Models auf ihren Zimmern ohne die teure Mode am Leib anzuschauen", inklusive.
Kurz und gut: Das Buch lässt Lothars Spieler- und (bisherige) Trainer-Karriere im Zeitraffer passieren, vielfach interessant, wenngleich nicht durchgehend so tiefgründig, wie Matthäus es eigentlich verdient hätte. Unter dem Strich ist das Buch gleichwohl sein Geld wert.
Lothar Matthäus (mit Martin Häusler): "Ganz oder gar nicht", Lübbe Verlag